Erbarmungslose Kunst
Schuberts „Winterreise” wurde mit Robert Holl und Oleg Maisenberg im Brahmssaal des Wiener Musikvereins zum wahrlich niederschmetternden Ereignis.
Robert Holls Liederabende gewinnen noch an Gewicht und Tiefe, wenn der Pianist Oleg Maisenberg als kongenialer Partner des Sängers antritt: Wie dieser aus dem Steinway jede kleinste Regung der Harmonien verlebendigt, wie er Töne aus dem Nichts entstehen läßt und transzendente Stimmungen beschwört, wenn die Musik manchmal wie von weit her, halluzinatorisch erklingt, das schafft den rechten Boden für Schuberts „Winterreise“, Protokoll einer Selbstvernichtung in 24 erbarmungslosen Stationen.
Robert Holl nimmt den von Maisenberg am Klavier vorgegebenen Tonfall auf und verzichtet dabei fast durchgehend auf jeden gepflegten Schöngesang, um Wort für Wort, Silbe für Silbe Franz Schuberts Textgestaltung erlebbar zu machen.
Existentielle Kunst entsteht auf diese Weise, unausweichlich. Es war diesmal eine echte Sternstunde im Brahmssaal des Musikvereins.