Nur Lower West Side
„West Side Story” an der Volksoper, das war einmal eine Pioniertat. Heute ist es der schale Aufguß eines einstigen Erfolgs mit schwächlichen Gastsängern.
Als erste Premiere der heurigen Saison präsentierte die Wiener Volksoper Leonard Bernsteins „West Side Story“, die allerdings so lahm, wie sie hier wirkt, wirklich nicht ist. Wer diese Produktion sieht, könnte meinen, das Musical dieses Schlags sei tot. Hört man genauer zu, ahnt man freilich, daß hier lediglich mit allzu minimalistischen musikalischen Mitteln an einem Meisterwerk herumgedoktert wird.
Zu verlockend ist der Vergleich der beiden Wiener Musiktheaterpremieren des vergangenen Wochenendes. Beide Häuser scheitern am musikalischen Anspruch einer meisterhaften Partitur. Wobei der Staatsoper zu konzedieren ist, daß man Bellini derzeit vielleicht nicht viel besser besetzten kann. Bernstein aber wäre noch vor gar nicht allzu langer Zeit eine herrliche Herausforderung für die besten Mitglieder des Volksopern-Ensembles gewesen.
Heutzutage engagiert man für alle wichtigen Rollen der „West Side Story” Gäste. Warum das solche mit derart schmalbrüstigen Stimmen sein müssen, scheint unerklärlich. „Maria“, „Somewhere” oder „Tonight” sind doch wahrhaftig singbar – und könnten so effektvoll sein.
In der Volksoper agieren etliche sympathische junge Darsteller. Allen voran Miriam Sharoni (Maria), Garrie Davislim (Toni) und Dieter Kschwendt-Michel (Riff), bringen mit ihrem eindimensionalen Singsang jedoch das musikalische Niveau endgültig auf jene bemüht engagierte Stadttheaterebene, auf der leider auch Chefdirigent Thomas Hengelbrock agiert..
Die Welt des Musicals scheint nicht die seine. Zwar heizt er das Tempo zuweilen (Mambo) extrem an, ohne daraus jedoch mehr als nur gewalttätige Rasanz zu schöpfen. Heiklere rhythmische Passagen wirken beinahe buchstabiert. Wo es lyrisch zugehen sollte, das Orchester Stimmungen hervorzaubern müßte, um die Handlung so richtig unter die Haut gehen zu lassen, da bleiben die Farben stumpf. So stumpf wie die Dialoge, die in deutscher Sprache abgewickelt werden, obwohl die meisten Darsteller sich schwer tun, auch nur den Anschein zu erwecken, sie verstünden wirklich, was sie zu sagen haben. Die Sprachregie versagt jämmerlich.
Atmosphäre stellt sich auch durch die Choreographie von Anne Marie Gros nicht ein. Zwar wirbeln die Tänzer oft heftig über die Bühne. Aber der Orchestergraben fungiert an diesem Abend wie eine magische, nicht überschreitbare Grenze. Vom Trubel aufgeregt wirken höchstens die drei alten Damen, die Regisseur Philippe Arlaud immer wieder kopfschüttelnd über die Bühne schickt, um die Aktivitäten der Jugendlichen zu kommentieren.
Über nette Arrangements im sehr stimmungsvollen Bühnenbild kommt Arlauds Arbeit jedoch kaum hinaus. Einzige Ausnahme: Die Anita von Sibylle Wolf, die ihre Nummern immerhin persönlichkeitsstark genug gestaltet, um durch den Bemühtheits-Charme der Darbietung hie und da in jene dramatischeren Gefilde vorzudringen, die die „West Side Story” nach wie vor zum zündenden Theaterereignis machen könnten.