Elegie für junge Liebende
Bellinis „Sonnambula” in der Wiener Staatsoper: Es ist möglich, dieses Werk so zu spielen, wie man es anläßlich der Premiere am Freitag getan hat. Sinnvoll ist es nicht.
Im Zuge der Renaissance der schwer realisierbaren Opern des Belcantozeitalters haben wir nun die „Nachtwandlerin” auf dem Spielplan. Es ist, um das gleich vorwegzunehmen, nicht sicher, daß wir das Werk je wirklich gut zu hören bekommen. Ob es mit Gewinn anzuschauen ist, muß ebenso dahingestellt bleiben.
Denn Regisseur Marco Arturo Marelli hat es aus einem schlichten Bauerndorf ins überzüchtete „Zauberberg“-Ambiente eines luxuriösen Alpenhotels versetzt, was noch möglich wäre. Er läßt auch – und das geht nicht – den gesamten Handlungsablauf in dessen Eingangshalle abwickeln. Womit der Clou abhanden kommt. Die Zuspitzung der Handlung ereignet sich nämlich bei Bellini im Schlafzimmer des Grafen Rudolf, wohin sich die nachtwandelnde Titelheldin, von ihrem Bräutigam träumend, verirrt. Daß sie dort gefunden wird, löst Eifersucht, heftige Seelenpein und_ im Zuge einer neuerlichen somnambulen Szene – die Wiederauflösung aller Verknotungen aus.
So weit, so simpel. Bei Marelli schläft die Unschuldige auf dem Boden des Hotelfoyers, woraus ihr gewiß niemand einen Vorwurf machen dürfte. Auch würden die plump inszenierten Annäherungsversuche des Grafen im ersten Akt keinen Liebhaber eifersüchtig machen; zu offenkundig ist die natürliche Aversion der als schlicht und nett gezeichneten Angebeteten gegen solche Aufreißermanieren.
Szenisch also verschenkt man die Chance, die stets zart knospenden, sinnlichen Botschaften von Bellinis Musik in ebenso behutsam entwickelte seelische Regungen umzumünzen. Da ist man auf einer Ebene mit der musikalischen Realisierung der Partitur. Bellini verlangt hier, auf dem Höhepunkt des echten Belcanto, ein Höchstmaß an vokaler Ausdrucksdifferenzierung, an gefühlsintensiver Modulation der melodischen Linie.
Solches mißachtend, gerät man bei dieser Musik leicht in jene Regionen, die es Verehrern späterer Errungenschaften der Opernromantik ermöglichen, frei nach Richard Wagner von „welschem Dunst und Tand” zu sprechen, wenn die Rede auf Bellini kommt. Warum in Wahrheit der Bayreuther Meister selbst – wie sein Widerpart Verdi – von den langen, langen Melodien und deren berückendem „Wehlaut” angetan waren, erfährt der Hörer bei solchen Gelegenheiten nicht.
Schon das Dirigat Stefano Ranzanis tut nichts dazu, dem rhythmischen Fluß der Musik dramatische Nuancen abzugewinnen. Weitere melodische Bögen, wie sie auch von manchen Instrumentalsolisten (Horn!) gefordert wären, dürfen bei ihm nicht atmen. Und schon gar nicht bemüht man sich um die farblichen Feinabstimmungen, die Bellinis kunstvoll geschichtete Ensembles zum delikaten, ausdruckskräftigen Hörerlebnis machen würden. Überdies sind wichtige Rollen wie die des Grafen oder die der stets gekränkten Lisa mit Egils Silins und Simina Ivan spürbar unter dem Limit besetzt.
Dagegen haben die beiden Hauptdarsteller des Dramas gewiß alle Möglichkeiten genutzt, zu demonstrieren, daß sie die technischen Herausforderungen der Partitur meistern können. Stefania Bonfadelli und Juan Diego Florez sind ein schönes Paar, bewältigen auch sämtliche ausufernden Linien, die Bellini ihnen vorschreibt, mühelos. Bis in allerhöchste Höhen führen sie, ob allein oder zu zweit, die Stimmen sicher. Höllisch schwere Partien Wobei sich Bonfadelli eine raffinierte Attitüde zurechtgelegt hat, Koloraturen mittels großzügigen Überlegatos zu größeren Figurengruppen zu binden. Während Florez‘ Tenor sich gegen die Höhe schneidender, schärfer färbt, bleibt ihr Sopran in allen Registern rund.
Das ist sehr viel, zugegeben. Aber es genügt nicht, um die Größe von Bellinis Gestaltungskunst auch nur erahnen zu lassen. Die seelischen Vorgänge, die das Drama vorantreiben, bleiben ausgespart. Wer, bitte schön, wird man mir entgegnen, hätte denn heutzutage die künstlerische Potenz, solche höllisch schweren Partien nicht nur akkurat zu singen, sondern auch noch mit vokalem Leben, mit Farbe, dramatischem Atem zu erfüllen?
Die Antwort sollten jene geben können, die „Sonnambula” auf den Spielplan setzen; oder andernfalls das Werk nicht spielen – und das Bühnenbild vielleicht für Henzes „Elegie für junge Liebende” nutzen. Die ist nämlich wirklich in einem Alpenhotel angesiedelt.